Schwere Stiefel stapften durch die Tür und ließen einen beträchtlichen Haufen Schnee in das mehr oder minder beheizte Häuschen. Blickte man aus dem vereisten Fenster hinaus, tobte ein scheinbar unaufhaltsamer Schneesturm. „Wo ist sie?“, fragte eine Frau mit besorgtem Blick, die sich gerade auf einem etwas zerschlissenen Sofa umdrehte, auf dem sie anscheinend bis gerade noch geschlafen hatte. Als ihr Mann bedrückt zu Boden sah, fragte sie mit mehr Nachdruck: „Wo ist sie?“Auch dieses Mal blieb eine Antwort aus, stattdessen sah man, wie seine Augen glitzerten, wobei man nicht davon ausgehen konnte, dass es von der draußen herrschenden Kälte stammte. Lange Zeit schwiegen sie sich an und die blauen Augen der Frau durchbohrten ihren Mann förmlich. Aus irgendeinem Grund wussten beide, was geschehen war, aber dennoch lag eine unausgesprochene, unheilverkündende Nachricht in der Luft. „Ich denke nicht, dass sie jemals zu uns finden wird“, der Mann senkte den Kopf, wagte es aber noch nicht, sich zu bewegen. Er spürte immer noch den Blick seiner Frau unerbittlich auf sich haften. Zum Teil vermisste er seine Tochter schon, ihre frechen, sanften Sommersprossen und ihre niedliche, unsichere Art. Vermutlich war es jedoch besser so, zu zweit kamen sie deutlich besser aus, als mit einem quengelnden Kind an ihrer Seite. Ihn beschlich das ungute Gefühl, etwas verloren zu haben, das er nie wirklich gefunden hatte. Erklären konnte er dieses Gefühl nicht, es war einfach da und wollte nicht weichen. Wie ferngesteuert streifte er sich Pelzmantel, Wollmütze und Schneestiefel ab, ließ sich neben seiner Frau nieder, die, wie eingefroren, gegen die Wand starrte.
Der Wind, der gegen die Fensterscheiben und die Tür schlug, schien in unerreichbare Ferne zu verschwinden. Alles schien er durch Watte zu hören, bis plötzlich, ähnlich zu einem Blitzeinschlag, alles lauter wurde, und er sich draußen in einer meterdicken Schneedecke wiederfand. Er saß auf den Knien und das Sonnenlicht tauchte den umliegenden Schnee in goldenen Glanz. Langsam sah er sich um. Als er zurückblickte, war dort nichts, außer kahlen Bäumen und einem kleinen Teich, der vor eisiger Kälte gefroren war. Sein Atem ließ eine weiße Wolke in der Luft zurück, während seine verkrampften, zu Fäusten geballten Hände in den Schnee vor ihm sanken. Verwirrt stellte er fest, dass es bereits wieder Morgen war, als hätte diese grauenvolle Nacht nie stattgefunden. Und er käme durch die Tür seiner Hütte geschritten, da spähte seine Tochter unter dem Sofa hervor und würde ihn erwartungsvoll ansehen. Bei dem Gedanken an sie verspürte er einen unangenehmen, fast vorwurfsvollen Stich und heiße Tränen rannen ungewollt über sein Gesicht. Doch diesmal hielt er sie nicht zurück, diesmal waren da keine kalten, ermahnenden Augen, die ihn durchbohrten ohne das kleinste bisschen Mitleid. Als er schließlich mit feuchtem Gesicht im Schnee lag, flüsterte er: „Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht.“ Und dann, etwas leiser, fügte er hinzu: „Es tut mir Leid.“


